Für Marokko bleibt gegen Kanada in Houston keine Alternative
Das NRG Stadium in Houston ist in Rot getaucht, doch auf dem Rasen sind einzig die Farben Kanadas in Schwarz und Marokkos in makellosem Weiß zu erkennen. Der Anpfiff ist nur noch Momente entfernt, und die Atlaslöwen betreten das Feld ohne Ismael Saibari, ihren verletzten Stürmer, der bereits nach 22 Minuten ausgewechselt werden musste.
Marokko geht mit einer schweren Last in die K.-o.-Phase: Fünf Tage nach einem mühevollen Sieg über die Niederlande müssen sie ihren Platz im Viertelfinale gegen eine kanadische Mannschaft bestätigen, die von einem ersten WM-Viertelfinale träumt. Die Bedeutung des Spiels ist klar. Kanada, das auf amerikanischem Boden spielt, hat bereits Geschichte geschrieben, indem es erstmals das Achtelfinale erreichte. Ein Sieg würde Jesse Marschs Team in die nächste Runde bringen und ein Viertelfinale gegen entweder Frankreich oder Paraguay ermöglichen.
Die erste Halbzeit war eine Aneinanderreihung von Frustrationen. Sechs gelbe Karten hat der englische Schiedsrichter Michael Oliver bereits gezeigt, darunter drei in der Nachspielzeit allein. Achraf Hakimi, normalerweise das kreative Zentrum, war weitgehend unsichtbar, und der marokkanische Angriff kam auf gerade einmal 0,02 erwartete Tore. Kanada hingegen startete mit echter Entschlossenheit, übte Druck aus und zwang Yassine Bounou zu frühen Paraden.
Der entscheidende Moment kam in der 22. Minute, als Saibari, der Neuzugang des FC Bayern, mit einer Muskelverletzung vom Platz humpelte. Sein Ersatz Soufiane Rahimi hat sein Spiel noch nicht geprägt, und Marokkos vertrauter Spielwitz ist auffällig abwesend. Die Atlaslöwen kämpfen sich vorwärts, statt elegant zu gleiten.
Hakimi findet nach der Pause sofort Raum, doch Kanadas Richie Laryea und Jonathan David erholen sich schnell. Die zweite Halbzeit beginnt mit derselben Intensität wie die erste, als beide Teams um jeden Grashalm texanischen Bodens kämpfen. Kanadas Eckbälle kommen schnell und häufig, und ihr Mittelfeldstratege Eustaquio bestimmt das Tempo aus der Tiefe.
Die Luft ist schwer von Spannung. Marokkos El Aynaoui, der Taktgeber der Mannschaft, hat fast 49 Kilometer zurückgelegt und 327 genaue Pässe gespielt, doch der entscheidende Pass fehlt. Kanadas Abwehr, angeführt von Bombito, wirkte wackelig, und Rahimi hat den Torwart Crépeau zweimal aus der Distanz auf die Probe gestellt.
Mit sechs Minuten Nachspielzeit in der ersten Halbzeit und weiteren sechs Minuten drohend, stellt sich die Frage, ob Marokko den Rhythmus wiederfinden kann, der sie an Spanien und Portugal vorbeibrachte. Sie haben in 450 WM-Minuten bisher nur ein Tor kassiert, doch heute wirkten sie alles andere als unbesiegbar. Kanada hingegen glaubt, sein eigenes Märchen schreiben zu können.
Kolumbiens frühes Tor bringt Sieg in der Hitze von Kansas City
Gert Verheyen, der das Spiel am Rand verfolgte, bemerkte vor dem Anpfiff: „Nach Frankreich finde ich Marokko rein qualitativ das beste Team dieser WM. Sie haben eine immense Siegesserie und wirken einfach exzellent.“ Der Sieger dieses Spiels trifft im Viertelfinale auf den Sieger aus dem Spiel Frankreich gegen Paraguay. Vor vier Jahren beendete Frankreich Marokkos Lauf im Halbfinale. Nun haben die Atlaslöwen die Chance, diesen Schmerz zu rächen – oder ihre Reise in Texas zu beenden.